sollen sie doch kommen
So viel zum Thema Angst:
Ich habe noch nie im Lotto gewonnen, und war noch nie Zeuge eines Autounfalls mit Verletzten. Ich habe noch nie eine Leiche, noch nie eine Explosion live gesehen. Mit meinem japanischen Allzweckmesser habe ich mir schon drei mal in den Finger geschnitten. Einmal musste ich deswegen zum Arzt. Keiner meiner Knochen war jemals gebrochen und Hunde haben mich auch noch nie gebissen. Einmal bin ich in einen Nagel getreten, damals am Bodensee, als wir Baden waren. Und einmal habe ich mir so heftig den Finger eingeklemmt, das der Fingernagel erst blau, dann lila und dann schwarz wurde, bevor er schließlich ganz abgefallen ist. Mit 12 ist mir eine Saftflasche auf den Fuß gefallen, die dann zersprang und mir in das Bein ritzte. 3 Stiche.
Einmal hab ich gesehen, wie jemand vom Fahrrad gestürzt ist, das war noch zu meinen Studienzeiten. Man konnte deutlich durch den Handschuh sehen, das er drei Finger gebrochen hatte. Als Wehrdienstverweigerer habe ich an keinen Kriegssimulationen teilgenommen und nicht gelernt wie man eine Waffe lädt und abfeuert. Ich habe keine Flugzeuge abstürzen und keine Schiffe untergehen sehen. Keine brennenden Autos, dafür aber ein brennender Schuppen auf Sylt, als der Feuerteufel umging. Allerdings wurde niemand verletzt. Wenn ich mir das so anschaue, hatte ich bislang ein recht unaufregendes Leben. Wenn ich höre, das etwas passiert ist, habe ich meistens gemischte Gefühle. Mein Puls schnellt hoch und ich schalte auf Alarm. Und das fühlt sich dann gut an.Fahren Rettungswagen mit Sirene an einem vorbei habe ich stets eine Art Kribbeln in der Brust. Meldungen von schweren Unfällen, von Überschwemmungskatastrophen, Grubenunglücken und Zugkollisionen lösen im ersten Moment entsetzen aus. Aber dann stelle ich mir vor ich wäre dabei und könnte noch was tun, wäre also nicht allzu verletzt. Es ist noch alles dran.
Dann laufe ich umher und helfe Menschen aus den Trümmern, rette Katzen von Hausdächern, verbinde Wunden mit Fetzen meines Hemdes, trage alte Frauen über den Fluß, wiederbelebe reanimiere, ordne und organisiere. Bilder des elften Septembers sind schockierend. Und auch faszinierend. Es geht mit den Gefühlen drunter und drüber. Blankes Entsetzen, wenn Menschen verzweifelt aus dem 50. Stockwerk springen. So etwas ähnliches wie Glück und Euphorie, wenn man sieht, wie Menschen selbstlos helfen und sich ganz einem Sinn und Zweck hingeben, ihrem Leben für diesen Moment die maximale Bedeutsamkeit verleihen.
Terrorwarnung in Deutschland, der Innenminister im Zweiten. Endlose Wiederholungen der gleichen Meldung in den Medien. Ich warte, stelle mir unterdessen vor, wo und wie man es selbst machen würde, wäre man ein Terrorist. Ich würde vermutlich warten bis der Weihnachtsmarkt ganz voll wäre, nächsten Samstag. Ich würde eine Bombe unter dem Kölner Dom zünden. Wenn das Ding fällt...
Mit genügend Glühwein im Bauch lässt sich auch das irgendwie aushalten. Sollen sie doch kommen, die Terroristen. Das würde meinem bisherigen Leben etwas geben, was ich meinen Kindern erzählen könnte, und meinen Enkeln. Sofern ich es überlebe. Morgen habe ich einen Termin beim Friseur. Hoffentlich schneidet er mir nicht ins Ohr.
